smilethings

Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag. I want to make you smile.

Der Waschbär und das Mädchen

- 13. Mai 2013

von Sophie und Tobi

Ein Mädchen saß auf einer Bank und ein laues Frühlingslüftchen trug den süßen Ahornduft zu ihr. Die Nachtigall hatte angefangen, den Abend zu besingen. Das Licht ging langsam zur Neige und sie schaute wehmütig auf das, was sie in ihren Händen hielt. Es war ein Brief ihres Liebsten, der fern der Heimat den heiligen Gral des Reichtums suchte. Seit Tagen wartete sie auf eine Nachricht, die verkünden würde, dass er zurückkehrt. Doch stattdessen sagte er, dass er Wladimir getroffen hätte, einen sibirischen Braunbären, und mit ihm durchgebrannt sei.

Da kroch ein Waschbär die schummerige Straße entlang und schnupperte sich geradewegs auf sie zu. „Wohl an, meine Holde, wie duftet Ihr schön. So eine wie Euch habe ich immer gesucht.“ Erschrocken über das sprechende Tier und schockiert über die Nachricht des Liebsten schaute sie nach unten. „Ich bin wohl klein, aber dafür keck und mutig und ich habe ein kuscheliges Fell, auf das du dein Haupt in der Nacht betten kannst“, sagte er. Und: „Ich möchte Dich küssen.“ Äußerst skeptisch blickte sie ihn an, aber sein Fell sah wirklich herrlich weich aus. „Dann spring doch erstmal zu mir auf die Bank“. „Das kann ich nicht allein. Du musst mich hoch heben“. Nun saß er neben ihr und schaute sie mit seinen frechen Augen an. Er stellte sich auf die Hinterbeine und gab ihr einen Schmatz auf den Mund. Erschrocken sprang sie auf und klebte ihm wütend eine. „Was fällt Dir ein?“, schrie sie empört, „ich bin verlobt!“.

Etwas beschämt zog der Waschbär den Kopf ein. „Entschuldige, bitte, aber deine Schönheit machte eine Zurückhaltung unmöglich. Wer hat denn dein Herz gewonnen?“ Da brach es aus ihr hervor. „Rotte der Rübenkönig“ schluchzte sie. „Er ist mit Wladimir, dem sibirischen Braunbären durchgebrannt!“ Das Tierchen streichelte ihre Tränen mit seinem buschligen Schwanz aus ihrem Gesicht und tätschelte ihre Wangen. „Willste ne Himbeere?“ fragte er.

Sie war so überrascht von seiner liebenswürdigen Reaktion, dass sie auflachen musste. Sie steckte die Himbeere in den Mund und genoss das fruchtige Aroma. Schon reichte er ihr die nächste. „Du bist wirklich ein süßes Kerlchen“, sagte sie und strich sanft über seinen Kopf. „Wie heißt Du eigentlich?“ „Man nennt mich Wolle, aber ich nehme jeden Namen an, den Du wünschst.“ „Ach, ein Waschbär namens Wolle klingt doch gut“, schmunzelte sie. „Wo wirst Du heute Nacht schlafen, Wolle?“ Da sah das schlaue Tier seine Chance gekommen: „Eine alte, morsche Eiche bildet meine Schlafstätte. Aber die Höhle ist zu klein für mich und es regnet oben rein. Äußerst ungemütlich, sag ich dir.“ „Oh weh“, sagte das Mädchen voller Mitleid, „dort solltest Du heute Nacht nicht sein. Komm mit zu mir und ich richte dir einen Platz neben meinem Bett her“. „Ich danke dir, Du bist so gütig, meine Schöne“, äußerte er während große Freude ihn erfasste. „Aber, wie heißt Du denn eigentlich?“ „Mein Name ist Marie, kleiner pelziger Freund“, erwiderte sie. „Marie – ein Name so wunderschön wie das Mädchen, das ihn trägt.“ Marie wurde ganz rot im Gesicht und stand auf, um zu gehen. So liefen Wolle und Marie in der nunmehr dunklen und kühlen Nacht zu dem Haus, in dem sie mit ihrem, inzwischen ehemaligen, Verlobten wohnte.

Sie holte frisches Stroh aus dem Hühnerstall und warme Decken. Daraus richtete Marie Wolle ein vortreffliches Nachtlager. Sie hockte am Boden als Wolle plötzlich vor ihr stand und ihr tief in die Augen blickte. Mit einem Mal begann ihr Herz zu klopfen, ihr wurde heiß und kalt. „Was geschieht mit mir? Ist es wahrhaftig der Blick dieses Tiers, der mich so trunken macht?“, fragte sie sich und war verwirrt. Sie fühlte sich wie von einem starken Magneten angezogen und konnte nicht anders als Wolle inniglich zu küssen.

Als Marie ihre Augen wieder öffnete, war aus Wolle ein Mensch geworden. Sprachlos sah sie ihn an. „Ja, Marie, ich bin es wirklich. Dein Rotte.“ Nach Worten suchend, stammelte sie: „Aber…der Brief….der Waschbär…“ Rotte begann zu erklären, was geschehen war: „Ich war kurz davor den Gral des Reichtums zu finden als Wladimir, ein böser Zauberer in Gestalt eines Sibirischen Braunbären, mich daran hindern wollte und mich deshalb in einen Waschbären verwandelte. Ich dachte mir diese Lüge, die ich dir im Brief schrieb, aus, damit Du dich überhaupt auf mich als ‚Wolle’ einlassen würdest. Der Zauber konnte nur durch den Kuss einer Person gelöst werden, die mich aus tiefstem Herzen liebt.“

Marie fiel Rotte einfach nur noch um den Hals und sie küssten und liebten sich leidenschaftlich bis zum nächsten Morgen. Sie wussten nun, dass sie unzertrennlich waren und Rotte hielt um ihre Hand an. Marie rannte jauchzend durchs Dorf und schrie: „Wir heiraten, wir heiraten! Kommt alle und seid unsere Gäste.“ Sie hatten nur einen Wunsch: „Schenkt uns einen Himbeerstrauch.“

Das rauschende Hochzeitsfest dauerte drei Tage lang. Für 200 Himbeersträucher mussten Rotte und Marie nun einen Platz finden. Sie bauten ein großes Gitter ans Haus, an dem sich die Himbeeren mit der Zeit immer weiter hinauf ranken können sollten. Nach getaner Arbeit stand das Paar eng umarmt vorm Haus und Rotte sagte: „Ein Himbeerstrauch ist wie die Liebe. Er braucht Zeit, um zu wachsen, die Früchte sind mal zuckersüß, mal unglaublich sauer. Und die Dornen können manchmal sehr verletzen. Doch wenn man die Sträucher gut pflegt, bleiben sie einem lange, lange erhalten.“

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2 responses to “Der Waschbär und das Mädchen

  1. Graf Koks sagt:

    wie schön. vermutlich habt ihr eure zeit damit deutlich besser genutzt als mit flash

    • smilehelper sagt:

      Ich kann dir gar nicht mehr sagen, ob wir damit im Flash-Modul angefangen haben oder schon früher. Auf jeden Fall hat es sehr viel Spaß gemacht, sich die Textabschnitte so zuzuschmeißen und zu sehen wie und wohin die Geschichte sich dadurch entwickelt. 🙂

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